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#UNGESCHMINKT - AUF DEM WEG 17 | 6-2026

  • Writer: Barbara Schär
    Barbara Schär
  • 2 days ago
  • 6 min read

Bild: B.Schär privat


DAS GESCHENK DER INNEREN FÜHRUNG -

WAS PFERDE UNS ÜBER RUHIGE KLARHEIT LEHREN


Wir leben in einer Zeit, in der viel geführt, gesteuert, geplant, optimiert und entschieden wird – und doch scheint manchmal genau das zu fehlen, was wirklich Orientierung gibt: eine ruhige, klare innere Führung.

 

Nicht dieses laute, bestimmende Führen, das sich vor allem über Kontrolle, Tempo oder Durchsetzung definiert. Nicht dieses angestrengte «Ich habe alles im Griff», das nach aussen vielleicht souverän wirkt, sich innerlich aber oft eher nach Anspannung, Druck und Dauerbereitschaft anfühlt. Sondern eine Führung, die von innen kommt. Eine, die nicht zuerst andere ordnen will, sondern sich selbst. Eine, die Verantwortung übernimmt, ohne hart zu werden. Eine, die Richtung gibt, ohne zu dominieren.

 

Pferde führen uns genau an diesen Punkt. 

Nicht theoretisch. Nicht mit Konzepten. Nicht mit wohlformulierten Führungsmodellen oder klugen Sätzen. Sondern über ihre unmittelbare, feine und unbestechliche Art, auf das zu reagieren, was tatsächlich da ist. Ein Pferd interessiert sich nicht dafür, welche Rolle ich innehabe, welche Erfahrung ich mitbringe oder wie klar ich gerne wirken möchte. Es reagiert auf meinen Zustand. Auf meine innere Ordnung – oder eben auf meine Unordnung. Auf meine Präsenz. Auf meine Spannung. Auf das, was ich ausstrahle, lange bevor ich etwas erkläre.

 

Und genau darin liegt ein weiteres grosses Geschenk der Pferde an uns Menschen: Sie zeigen uns, dass Führung nicht im Aussen beginnt. Nicht beim Pferd. Nicht beim Gegenüber. Nicht beim Team. Nicht bei der Situation. Sondern bei uns selbst.

 

Das klingt einfach. Fast zu einfach. Und ist vielleicht gerade deshalb so anspruchsvoll. 

Denn wie oft sind wir im Alltag innerlich alles andere als geführt? Wir funktionieren, reagieren, erledigen, organisieren, übernehmen, halten aus, passen uns an, beschleunigen, obwohl wir längst spüren, dass unser System eigentlich nach einem Moment des Sortierens fragt. Der Kopf läuft voraus, der Körper kommt kaum hinterher. Wir sagen Ja, obwohl etwas in uns zögert. Wir geben Richtung, obwohl wir innerlich selbst noch keine haben. Wir möchten Vertrauen schaffen, sind aber gleichzeitig angespannt. Wir wollen Verbindung, sind aber nicht wirklich bei uns.

 

Im Kontakt mit Pferden wird genau das sichtbar.

Vielleicht nicht dramatisch. Oft sogar sehr leise. Ein Pferd bleibt stehen. Es kommt nicht richtig mit. Es wird wacher, hält Abstand, schaut weg, spannt sich an oder übernimmt seinerseits die Regie. Manchmal macht es sogar scheinbar mit, aber ohne wirkliche Verbindung. Es bewegt sich, aber es folgt nicht wirklich. Es tut, was verlangt wird, aber es entsteht keine Leichtigkeit. Keine Resonanz. Kein gemeinsamer Fluss.

 

Und dann stehen wir da und fragen uns vielleicht: Was stimmt denn nicht? Ich habe doch alles «richtig» gemacht.

 

Genau hier beginnt das Lernen. 

Denn Pferde zeigen uns, dass «richtig» nicht immer stimmig ist. Dass Technik nicht trägt, wenn die innere Haltung fehlt. Dass Führung nicht dadurch entsteht, dass wir mehr Druck machen, deutlicher werden oder noch eine Methode anwenden. Sondern dadurch, dass wir in uns selbst klarer werden.

 

Innere Führung heisst für mich nicht, immer stark zu sein. Auch nicht, immer sofort zu wissen, was zu tun ist. Sie bedeutet vielmehr, mit sich selbst so verbunden zu sein, dass der nächste Schritt spürbar wird. Vielleicht nur der nächste. Nicht der ganze Weg. Nicht die perfekte Lösung. Nicht die grosse Antwort. Aber ein stimmiger nächster Schritt.

 

Pferde brauchen genau diese Qualität. Sie brauchen kein perfektes Gegenüber. Aber ein wahrhaftiges. Ein Gegenüber, das nicht vorgibt, sicher zu sein, während innerlich alles wackelt. Ein Gegenüber, das Unsicherheit nicht mit Druck überdeckt. Ein Gegenüber, das sich sortiert, statt sich zu versteifen. Denn für ein Pferd ist Klarheit nicht Luxus, sondern Sicherheit. Und Sicherheit entsteht nicht durch Härte, sondern durch Verlässlichkeit.


Das treibt mich um und berührt mich sehr, weil es so viel mit unserem menschlichen Miteinander zu tun hat.

 

Auch wir Menschen spüren, ob jemand innerlich klar ist oder nur so tut. Wir spüren, ob Führung aus Verantwortung kommt oder aus Ego. Ob ein Nein sauber ist oder verletzend. Ob ein Ja wirklich gemeint ist oder aus Anpassung entsteht. Ob jemand präsent ist oder nur eine Rolle spielt. Und auch wenn wir diese feinen Wahrnehmungen oft übergehen oder mit dem Kopf relativieren, wirken sie. In Teams. In Beziehungen. In Familien. In Organisationen. Überall dort, wo Menschen miteinander unterwegs sind.

 

Vielleicht nennen wir es dann «Stimmung», «Vertrauen», «Kultur», «Chemie» oder «Bauchgefühl». Pferde machen keine Worte. Sie reagieren einfach entsprechend.

 

In ihrer Nähe wird spürbar, wie sehr Führung mit Selbstführung verbunden ist. Wenn ich innerlich zerstreut bin, wird mein Signal unklar. Wenn ich unsicher bin und diese Unsicherheit überspiele, entsteht Spannung. Wenn ich führen will, aber gleichzeitig gefallen möchte, wird meine Richtung brüchig. Wenn ich kontrolliere, weil ich Vertrauen nicht halten kann, wird der Raum enger.

 

Das Pferd macht daraus keine Geschichte. Es bewertet mich nicht. Es sagt nicht: «Du bist schlecht geführt.» Es zeigt nur: So entsteht keine Sicherheit. So entsteht keine echte Verbindung. So kann ich mich nicht vertrauensvoll anschliessen.

 

Was für eine klare, ehrliche und gleichzeitig gnädige Form von Rückmeldung. 

Denn genau darin liegt auch die Schönheit dieses Geschenks: Pferde demütigen uns nicht. Sie entlarven uns nicht, um uns klein zu machen. Sie führen uns vielmehr zurück zu uns selbst. Dorthin, wo wir wieder spüren können, was eigentlich los ist. Wo wir merken, dass wir vielleicht zu schnell geworden sind. Zu sehr im Kopf. Zu sehr im Wollen. Zu sehr im Beweisen. Zu sehr im Aussen.

 

Und wenn wir dann innehalten, atmen, uns sortieren und nicht mehr versuchen, etwas darzustellen, verändert sich oft etwas. Nicht spektakulär. Nicht mit Trommelwirbel. Sondern fein. Der Körper wird weicher. Der Blick ruhiger. Die Energie klarer. Das Pferd nimmt es wahr. Und manchmal entsteht dann genau dieser wunderbare Moment, in dem plötzlich nichts mehr gedrückt, gezogen oder erklärt werden muss. Es geht mit. Weil Führung spürbar geworden ist. Nicht als Macht. Sondern als Orientierung.

 

Vielleicht ist das eine der reifsten Formen von Führung überhaupt. 

Nicht: Ich setze mich durch.

Sondern: Ich bin klar genug, dass Orientierung entstehen kann.

Nicht: Ich kontrolliere alles.

Sondern: Ich übernehme Verantwortung für meinen Zustand, meine Richtung und meinen Einfluss.

Nicht: Ich weiss alles.

Sondern: Ich bleibe anwesend genug, um den nächsten Schritt wahrzunehmen.

 

Gerade heute scheint mir dieses Geschenk der Pferde besonders wertvoll. Weil wir in einer Welt leben, die oft sehr viel äussere Steuerung verlangt, aber wenig Raum für innere Sortierung lässt. Alles soll schnell gehen, sichtbar sein, messbar, effizient, überzeugend. Doch echte Führung entsteht nicht aus Dauerbeschleunigung. Sie entsteht aus Klarheit. Aus Präsenz. Aus innerer Stimmigkeit. Aus der Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, ohne sich selbst zu verlieren.

 

Und vielleicht ist genau das auch im eigenen Leben immer wieder die grosse Übung. 

Mich nicht von jedem Aussenreiz wegziehen zu lassen. Nicht jeder Erwartung sofort zu folgen. Nicht jedes Tempo mitzumachen. Nicht aus Angst vor Ablehnung über meine eigene Grenze zu gehen. Nicht aus Unsicherheit lauter zu werden, als es nötig wäre. Sondern innezuhalten und mich zu fragen: Was ist jetzt stimmig? Was ist wahr? Was braucht es wirklich? Wo beginnt Verantwortung – und wo beginnt Kontrolle?

 

Pferde helfen uns, diese Fragen nicht nur zu denken, sondern zu spüren.

Sie zeigen uns, dass Führung nicht bedeuten muss, gross aufzutreten. Manchmal ist sie ganz leise. Ein ruhiger Atemzug. Ein klarer Schritt. Eine weiche, aber bestimmte Präsenz. Ein inneres Ja zur Verantwortung. Ein Nein zur Überforderung. Ein Zurückfinden in die eigene Mitte.

 

Und von dort aus verändert sich auch Beziehung.

Denn wer sich selbst führen kann, muss andere weniger kontrollieren. Wer innerlich klar ist, muss weniger beweisen. Wer bei sich bleibt, kann dem Gegenüber mehr Raum lassen. Wer Verantwortung übernimmt, ohne hart zu werden, schafft Sicherheit. Und Sicherheit ist die Grundlage für Vertrauen, Resonanz und echte Verbundenheit.

 

Der Bogen zu den bisherigen Geschenken der Pferde spinnt sich weiter: Präsenz holt uns in den Moment. Grenzen zeigen uns den stimmigen Raum. Vertrauen wächst aus Verlässlichkeit. Resonanz entsteht, wenn Verbindung echt wird. Und innere Führung ist vielleicht das, was all dies zusammenhält.

 

Nicht als Technik. Nicht als Methode. Sondern als Haltung.

 

Pferde erinnern uns daran, dass wir nicht führen können, wenn wir uns selbst verloren haben. Dass Klarheit nicht hart machen muss. Dass Verantwortung nicht schwer sein muss. Und dass echte Führung dort beginnt, wo wir aufhören, im Aussen Sicherheit zu erzwingen – und anfangen, im Inneren tragfähig zu werden. 

Für mich ist das eines der stillsten und gleichzeitig kraftvollsten Geschenke der Pferde an uns Menschen.

 

Sie lehren uns, dass Führung keine Maske braucht. Keine Dominanz. Keine laute Inszenierung. Sondern den Mut, bei sich anzukommen. Sich zu sortieren. Verantwortung zu übernehmen. Und von dort aus in Beziehung zu treten.

 

Ungeschminkt. Echt. Ruhig. Klar.

 

Vielleicht beginnt genau dort jene Form von Führung, nach der sich so viele Menschen, Teams und Beziehungen sehnen: eine Führung, die nicht drückt, sondern trägt. Die nicht eng macht, sondern Orientierung gibt. Die nicht trennt, sondern Verbindung möglich macht.



 
 
 

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