#UNGESCHMINKT - AUF DEM WEG 20 | 9-2026

Bild: B.Schär privat
DAS GESCHENK DES MUTES -
WAS PFERDE UNS ÜBER DEN NÄCHSTEN SCHRITT LEHREN
Nach Präsenz, Grenze, Vertrauen, Resonanz, innerer Führung, Geduld und Loslassen führt mich der Weg nun zu einem weiteren Geschenk der Pferde, das auf den ersten Blick vielleicht grösser klingt, als es sich im echten Leben oft zeigt: Mut.
Denn wenn wir von Mut sprechen, denken wir schnell an etwas Grosses. An Heldenhaftigkeit. An Durchbruch. An «Augen zu und durch». An Menschen, die scheinbar furchtlos vorangehen, Risiken nehmen, sich nicht beirren lassen und in Situationen hineinmarschieren, vor denen andere zurückweichen. Mut wird oft mit Lautstärke verwechselt, mit Tempo, mit Kraft, mit dieser demonstrativen Entschlossenheit, die keine Zweifel duldet.
Pferde zeigen mir ein anderes Bild von Mut. Ein stilleres. Feineres. Wahrhaftigeres.
Ein Pferd ist kein Held im menschlichen Sinne. Es muss nicht beweisen, dass es mutig ist. Es hat kein Interesse daran, sich tapfer zu inszenieren. Als Fluchttier ist es sogar hoch intelligent, vorsichtig zu sein. Es prüft. Es nimmt wahr. Es wägt ab. Es spürt Veränderungen im Raum, Geräusche, Gerüche, Bewegungen, Spannungen. Was uns Menschen belanglos erscheint, kann für ein Pferd eine wichtige Information sein. Ein flatterndes Band, eine neue Plane am Boden, ein Schatten, ein unbekannter Gegenstand, ein veränderter Weg, ein enger Durchgang, eine Situation, die gestern noch vertraut war und heute anders wirkt.
Und dann steht es da.
Nicht stur. Nicht schwierig. Nicht «blöd». Sondern wach.
In diesem Moment wird oft sichtbar, wie wir Menschen mit Unsicherheit umgehen. Wollen wir das Pferd rasch überzeugen? Ziehen wir? Drücken wir? Werden wir innerlich ungeduldig, weil es doch «nichts» ist? Reden wir die Angst klein, weil sie uns selbst unangenehm ist? Oder bleiben wir präsent genug, um zu erkennen: Hier geht es nicht um Gehorsam. Hier geht es um Vertrauen in den nächsten Schritt.
Für mich liegt genau hier das Geschenk.
Pferde lehren uns, dass Mut nicht bedeutet, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, die Angst wahrzunehmen, ohne ihr die ganze Führung zu überlassen. Mut bedeutet, einen Schritt möglich zu machen, der vorher noch nicht möglich war. Nicht mit Gewalt. Nicht mit Beschämung. Nicht mit «stell dich nicht so an». Sondern mit Präsenz, Klarheit, Geduld und Vertrauen.
Und damit schliesst sich der Bogen zu den vergangenen Geschenken sehr schön.
Ohne Präsenz spüre ich nicht, was wirklich los ist. Ohne Grenze überfahre ich den Raum des anderen. Ohne Vertrauen wird jeder neue Schritt zur Bedrohung. Ohne Resonanz verliere ich die Verbindung. Ohne innere Führung werde ich selbst zum Unsicherheitsfaktor. Ohne Geduld mache ich Druck, wo Reife nötig wäre. Und ohne Loslassen wird Mut schnell zu Kontrolle in einem anderen Kleid.
Echter Mut braucht all das.
Gerade im Kontakt mit Pferden wird das körperlich spürbar. Wenn ein Pferd vor etwas Neuem steht, entscheidet nicht nur der Gegenstand darüber, was geschieht. Entscheidend ist auch mein Zustand. Bin ich innerlich klar oder genervt? Bin ich wirklich da oder schon beim Ergebnis? Glaube ich dem Pferd, dass seine Unsicherheit real ist, auch wenn ich sie nicht teile? Kann ich seine Vorsicht respektieren, ohne sie zu dramatisieren? Kann ich Sicherheit geben, ohne zu behaupten, dass es nichts zu fürchten gibt?
Das ist anspruchsvoll.
Denn auch bei uns Menschen wird die Angst des anderen oft schwer ausgehalten. Sie irritiert. Sie bremst. Sie stellt unsere Pläne in Frage. Sie zwingt uns, langsamer zu werden, feiner zu werden, genauer hinzuschauen. Und wenn wir ehrlich sind, triggert sie nicht selten unsere eigene Unsicherheit. Dann möchten wir die Situation schnell «lösen». Das Pferd soll durchgehen, darübersteigen, näherkommen, stehenbleiben, sich beruhigen. Nicht nur, weil es für das Pferd gut wäre, sondern auch, weil wir selbst Erleichterung suchen.
Nur: Mut entsteht nicht durch Überfahren.
Ein Pferd, das durch Druck an etwas vorbeigebracht wird, hat vielleicht die Situation bewältigt. Aber es hat nicht zwingend Mut gelernt. Es hat möglicherweise gelernt, dass es trotz Angst funktionieren muss. Dass seine Wahrnehmung nicht zählt. Dass es keinen Raum bekommt, um selbst zu verstehen. Das mag kurzfristig wie Erfolg aussehen. Langfristig verliert dabei oft etwas an Vertrauen, an Selbständigkeit, an echter Bereitschaft.
Mut wächst anders.
Er wächst dort, wo ein Pferd erfahren darf: Ich sehe etwas, das mich verunsichert. Ich darf es wahrnehmen. Ich werde nicht ausgelacht, nicht übergangen, nicht gezwungen. Aber ich werde auch nicht allein gelassen. Da ist ein Mensch, der ruhig bleibt. Einer, der Richtung gibt. Einer, der mich nicht in meiner Angst baden lässt, aber sie auch nicht wegdrückt. Einer, der mir zutraut, den nächsten Schritt zu finden.
Das ist für mich eine der schönsten Formen von Begleitung. Nicht retten. Nicht schubsen. Nicht festhalten. Sondern da sein und den nächsten Schritt ermöglichen.
Wenn ein Pferd dann den Kopf senkt, ausatmet, einen halben Schritt macht, den Gegenstand nochmals anschaut, wieder stehenbleibt und irgendwann doch näherkommt, geschieht etwas sehr Feines. Von aussen betrachtet ist es vielleicht unspektakulär. Kein grosser Sieg. Kein dramatischer Moment. Kein Bild für den schnellen Applaus. Aber innerlich ist es gross. Denn da ist ein Wesen über eine kleine Schwelle gegangen. Nicht, weil es musste. Sondern weil genug Sicherheit da war, um sich zu trauen.
Wie viel schöner kann Lernen sein.
Und wie sehr wünsche ich mir, dass wir auch mit uns selbst so umgehen würden. Denn auch wir Menschen stehen immer wieder vor unseren inneren Planen, Bällen, Schatten und Engstellen. Vor Gesprächen, die wir aufschieben. Vor Entscheidungen, die uns Angst machen. Vor Veränderungen, die eigentlich anstehen, aber noch nicht greifbar sind. Vor Abschieden. Vor Neubeginnen. Vor Sichtbarkeit. Vor Nähe. Vor Grenzen. Vor dem Schritt aus alten Rollen. Vor dem Eingeständnis, dass etwas nicht mehr stimmt. Vor dem Mut, uns selbst ernster zu nehmen.
Von aussen sieht auch das manchmal unspektakulär aus.
Jemand sagt endlich Nein. Jemand geht einen ersten Schritt in eine neue Richtung. Jemand bewirbt sich auf eine Stelle, obwohl nicht alle Kriterien erfüllt sind. Jemand spricht aus, was lange geschwiegen wurde. Jemand beginnt nochmals neu. Jemand hört auf, sich kleiner zu machen. Jemand erlaubt sich, nicht mehr zu funktionieren wie bisher. Jemand zeigt sich ungeschminkt.
Für die Welt mag das klein aussehen. Für die Seele kann es riesig sein.
Und genau das lehren Pferde so eindrücklich: Der Mut liegt oft nicht im grossen Sprung, sondern im nächsten ehrlichen Schritt. In diesem Moment, in dem wir nicht mehr zurückweichen vor dem, was uns ruft. In dem wir aber auch nicht blind losrennen. Wir bleiben stehen, spüren, atmen, ordnen uns – und gehen dann. Nicht perfekt. Nicht garantiert angstfrei. Aber stimmig.
Das ist eine ganz andere Qualität als dieses «man muss einfach machen».
Ich mag diesen Satz nicht besonders. Natürlich gibt es Momente, in denen Handeln wichtig ist. Aber «einfach machen» kann auch sehr brutal sein gegenüber allem, was in uns noch zögert, Schutz sucht oder verstanden werden möchte. Pferde zeigen, dass es nicht darum geht, jedes Zögern als Schwäche zu betrachten. Manchmal ist Zögern Intelligenz. Manchmal ist es Wahrnehmung. Manchmal ist es der Körper, der sagt: Einen Moment. Schau hin. Sei ehrlich. Geh nicht über mich hinweg.
Die Frage ist nicht, ob wir das Zögern vernichten. Die Frage ist, ob wir darin steckenbleiben oder daraus einen nächsten Schritt entwickeln.
Das ist Mut.
Nicht gegen die Angst. Sondern mit ihr, ohne ihr alles zu überlassen.
Im Pferdekontext bedeutet das, eine Aufgabe so zu gestalten, dass das Pferd wachsen kann. Gross genug, damit Entwicklung geschieht. Klein genug, damit Vertrauen nicht bricht. Es bedeutet, nicht beleidigt zu sein, wenn das Pferd noch nicht so weit ist. Und nicht euphorisch über alles hinwegzugehen, wenn es einmal gelungen ist. Es bedeutet, mutige Schritte nicht zu überfordern, sondern zu würdigen.
Auch das ist etwas, was wir Menschen oft verlernen.
Kaum ist ein Schritt gelungen, wollen wir den nächsten. Kaum ist etwas geschafft, erhöhen wir den Anspruch. Kaum ist ein Pferd über die Plane gegangen, soll es gleich ruhig darauf stehen, dann rückwärts, dann im Trab, dann bitte noch mit Wind, Musik und Ablenkung. Und ähnlich machen wir es mit uns selbst. Kaum haben wir eine Angst berührt, soll sie bitte weg sein. Kaum haben wir uns etwas getraut, soll daraus sofort Souveränität werden. Kaum sind wir einmal gewachsen, soll das neue Niveau selbstverständlich sein.
Pferde erinnern uns daran, dass Mut nicht ausgeschöpft werden sollte wie eine Ressource, die man möglichst schnell verwertet. Mut braucht Integration. Er braucht Pausen. Er braucht Anerkennung. Er braucht die Erfahrung: Ich habe etwas geschafft und darf das auch fühlen. Ich muss nicht sofort weiter.
Das berührt mich, weil darin so viel Würde liegt.
Ein Pferd, das seinen Mut findet, wird oft nicht lauter. Es wird ruhiger. Es wird neugieriger. Es beginnt mitzudenken. Es sucht vielleicht den Kontakt zum Menschen, nicht weil es abhängig ist, sondern weil es erfahren hat, dass Beziehung trägt. Und der Mensch, der diesen Prozess begleitet, lernt ebenfalls. Er lernt, dass Führung nicht darin besteht, Angst zu besiegen, sondern Vertrauen aufzubauen. Dass Mut nicht erzwungen werden kann. Dass Entwicklung nicht dort entsteht, wo wir ein Wesen über seine Grenze drücken, sondern dort, wo wir seine Grenze achten und trotzdem einen nächsten Schritt einladen.
Gerade eine solche Haltung brauchen wir in der heutigen Zeit.
Wir leben in einer Welt voller Übergänge. Alte Sicherheiten tragen nicht mehr wie früher. Vieles verändert sich gleichzeitig. Beruflich, gesellschaftlich, technologisch, persönlich. Überall wird Anpassungsfähigkeit verlangt. Offenheit. Veränderungsbereitschaft. Mut. Doch gleichzeitig bekommen Menschen oft wenig Raum, ihre Unsicherheit ehrlich zu zeigen. Man soll flexibel sein, aber bitte ohne Angst. Man soll sich neu erfinden, aber bitte schnell. Man soll Veränderungen mittragen, aber bitte ohne Widerstand. Man soll mutig sein, aber möglichst reibungslos.
So funktioniert weder lebendiges Lernen noch nachhaltige Entwicklung.
Pferde zeigen uns eine ehrlichere Form von Veränderung. Sie zeigen, dass Mut Zeit, Sicherheit und Beziehung braucht. Dass ein nächster Schritt nicht kleiner ist, nur weil er vorsichtig gesetzt wird. Dass Angst nicht der Feind ist, sondern eine Information. Dass Vertrauen nicht darin besteht, Risiken zu leugnen, sondern sich ihnen mit einem tragfähigen Gegenüber zu nähern.
Und manchmal ist dieses Gegenüber ein Pferd. Manchmal ein Mensch. Und manchmal sind wir es selbst.
Dann geht es darum, uns selbst nicht im Stich zu lassen, wenn etwas in uns zögert. Nicht hart zu werden. Nicht wegzulächeln. Nicht zu flüchten in Beschäftigung, Kontrolle oder Vernunft. Sondern da zu bleiben, wo es innerlich wackelt. Uns selbst zu sagen: Ich sehe, dass es Mut braucht. Ich weiss, dass es nicht einfach ist. Und ich gehe nicht über dich hinweg. Aber ich bleibe auch nicht stehen, nur weil es unsicher ist.
Was für eine kraftvolle innere Bewegung.
Sie hat nichts Spektakuläres. Und gerade deshalb ist sie so wertvoll. Weil sie nicht aus Ego entsteht, sondern aus Verbindung. Aus der Verbindung mit dem eigenen Körper, mit der eigenen Wahrheit, mit dem Gegenüber, mit dem Leben.
Mut ist in diesem Sinne kein Aufbruch gegen die Angst, sondern ein Aufbruch trotz der Angst. Oder noch genauer: ein Aufbruch mit der Angst an der Hand, aber nicht auf dem Fahrersitz.
Pferde machen das sichtbar.
Wenn sie nach dem ersten Zögern den Hals etwas länger machen. Wenn sie schnuppern. Wenn sie einen Huf vorsichtig nach vorne setzen. Wenn sie zurückweichen und wiederkommen. Wenn sie merken, dass der Mensch nicht ungeduldig wird. Wenn der Atem ruhiger wird. Wenn der Körper weicher wird. Wenn aus Fluchtimpuls Neugier entsteht. Wenn aus Spannung ein «Ich versuche es» wird.
Diese Momente sind für mich Hühnerhaut-Momente. Nicht wegen der Aufgabe. Sondern wegen der inneren Bewegung.
Denn der eigentliche Schritt geschieht nicht über die Plane, an den Ball, in den Hänger oder auf einen neuen Weg. Der eigentliche Schritt geschieht im Vertrauen. Im Körper. In der Beziehung. Dort, wo ein Wesen erlebt: Ich kann mehr, als meine Angst mir erzählt hat. Und ich muss dafür nicht gebrochen werden.
Was für ein Geschenk.
Pferde zeigen uns eine Form von Mut, die nichts beweisen muss. Einen Mut, der nicht laut auftritt, nicht drängt, nicht überrennt. Sondern wahrnimmt, atmet, prüft – und dann den nächsten Schritt wagt.
Nicht, weil die Unsicherheit verschwunden ist. Sondern weil genug Vertrauen da ist, um ihr nicht die ganze Führung zu überlassen.
Genau das nehme ich mit.
Für den Umgang mit Pferden. Für den Umgang mit Menschen. Und für den Umgang mit mir selbst.
Mut darf leise sein. Er darf Zeit brauchen. Er darf mit klopfendem Herzen beginnen. Entscheidend ist nicht, dass der Schritt gross ist. Entscheidend ist, dass er wahrhaftig ist.
Ungeschminkt.
Wach. Verbunden. Echt.
Mit klopfendem Herzen vielleicht – aber mit dem Mut, den nächsten ehrlichen Schritt zu wagen.




Comments