#UNGESCHMINKT - AUF DEM WEG 19 | 8-2026
- Barbara Schär
- Aug 15
- 8 min read

Bild: B.Schär privat
DAS GESCHENK DES LOSLASSENS -
WAS PFERDE UNS ÜBER VERTRAUEN IN DEN NÄCHSTEN SCHRITT LEHREN
Nach der Geduld kommt für mich fast zwangsläufig das Loslassen.
Nicht als Kapitulation. Nicht als Gleichgültigkeit. Nicht als dieses etwas difuse «dann lasse ich es halt los», das manchmal eher nach Wegschauen klingt als nach Vertrauen. Sondern als nächster, sehr anspruchsvoller Reifeschritt: Ich tue meinen Teil. Ich bleibe präsent. Ich übernehme Verantwortung. Ich gebe Richtung. Und dann lasse ich dem Leben, dem Gegenüber, dem Pferd, dem Prozess den Raum, den es braucht.
Puh - Schon beim Schreiben merke ich, wie gross dieses Thema ist - wie sehr es mich berührt, umtreibt und betrifft.
Loslassen klingt so leicht. Fast schön. Wie ein Ausatmen. Wie offene Hände. Wie ein inneres Zurücklehnen. In der gelebten Realität ist es für mich jedoch oft alles andere als leicht. Da ist nämlich nicht nur diese weiche, weite Seite des Loslassens. Da ist auch die Angst, etwas zu verlieren. Die Sorge, Kontrolle abzugeben. Die Frage, ob es dann noch gut kommt. Ob ich genug getan habe. Ob ich hätte mehr tun, schneller reagieren, klarer sein, noch einmal erklären, noch einmal absichern, noch einmal Einfluss nehmen müssen.
Und genau hier zeigen Pferde so unmittelbar, worum es wirklich geht.
Im Kontakt mit einem Pferd kann ich vieles vorbereiten. Ich kann meine Haltung sortieren, meinen Körper ausrichten, meine Energie klären, meine Hilfen fein geben, den Raum gestalten, Sicherheit anbieten, geduldig wiederholen, den nächsten Schritt einladen. Aber ich kann nicht erzwingen, dass Vertrauen genau jetzt entsteht. Ich kann nicht machen, dass Losgelassenheit auf Knopfdruck kommt. Ich kann Verständnis nicht herbeidrücken. Ich kann Verbindung nicht festhalten.
Ich kann nur die Bedingungen schaffen, unter denen sie entstehen darf. Und das ist ein gewaltiger Unterschied.
Genau das ist für mich wieder eines der grossen Geschenke der Pferde an uns Menschen: Sie zeigen uns, dass Loslassen nicht bedeutet, Verantwortung abzugeben. Sondern Kontrolle dort zurückzunehmen, wo sie Vertrauen verhindert.
Das klingt klar. Und ist im Moment selbst doch oft so schwierig.
Wie schnell wird aus guter Absicht ein Festhalten. Aus Fürsorge ein Klammern. Aus Richtung ein Ziehen. Aus Klarheit ein Druck. Aus dem Wunsch, etwas richtig zu machen, ein inneres Verengen. Wir wollen helfen, sichern, begleiten, schützen, führen – und merken manchmal gar nicht, dass wir dabei den Raum kleiner machen. Für das Pferd. Für den anderen Menschen. Für uns selbst.
Ein Pferd zeigt das sehr fein.
Beispielsweise am Seil/am Strick, wenn meine Hand vermeintlich nur «ein bisschen» festhält, mein Inneres aber eigentlich sagt: Bitte geh nicht weg. Bitte mach es richtig. Bitte bleib bei mir. Bitte bestätige mir, dass ich es kann. Dann ist der Strick nicht einfach ein Strick. Er wird zur Verlängerung meiner Unsicherheit. Meiner Kontrolle. Meines Nicht-loslassen-Könnens.
Und das Pferd spürt es.
Es spürt, ob eine Verbindung trägt oder hält. Ob eine Hand führt oder festhält. Ob eine Hilfe einlädt oder drückt. Ob ein Mensch mitgeht oder innerlich blockiert. Es spürt, ob Raum da ist.
Dieses feine Unterscheiden berührt mich sehr, weil es so viel über unsere menschlichen Beziehungen erzählt. Auch dort gibt es einen Unterschied zwischen Halten und Festhalten. Zwischen Begleiten und Kontrollieren. Zwischen Dasein und Vereinnahmen. Zwischen Verantwortung und Übergriff. Zwischen Liebe und Angst.
Und ja, manchmal ist die Grenze dazwischen hauchdünn.
Gerade dann, wenn uns etwas wichtig ist.
Wenn uns ein Pferd wichtig ist. Ein Mensch. Eine Beziehung. Eine Entwicklung. Eine Aufgabe. Ein Ziel. Ein Lebensentwurf. Dann wollen wir, dass es gelingt. Dass es gut kommt. Dass nichts verloren geht. Dass das Vertrauen bleibt. Dass der nächste Schritt sicher ist. Und je wichtiger etwas ist, desto verführerischer wird Kontrolle.
Dabei wissen wir eigentlich, dass Vertrauen und Kontrolle nicht dieselbe Sprache sprechen.
Kontrolle will sichern, indem sie festhält. Vertrauen erlaubt Bewegung, ohne sich selbst zu verlieren. Kontrolle schaut auf das, was schiefgehen könnte. Vertrauen bleibt wach für das, was entstehen darf. Kontrolle sucht Gewissheit. Vertrauen lebt mit dem Nicht-ganz-Wissen.
Und genau dieses Nicht-ganz-Wissen ist die eigentliche Herausforderung.
Loslassen bedeutet oft, mit einem offenen Moment zu leben. Mit einem Zwischenraum. Mit dem noch nicht fertigen Ergebnis. Mit dem nächsten Schritt, der zwar vorbereitet, aber noch nicht bewiesen ist. Mit der Möglichkeit, dass etwas anders kommt, als ich es geplant habe. Vielleicht sogar besser. Vielleicht zunächst holpriger. Vielleicht genau so, wie es für Entwicklung nötig ist – nur nicht so, wie mein Kopf es gerne hätte.
Pferde sind wunderbare Lehrmeister in diesem Zwischenraum.
Sie lassen sich nicht wirklich betrügen durch unsere äussere Lockerheit, wenn innen noch alles festhält. Ich kann die Zügel oder den Strick länger lassen und trotzdem innerlich klammern. Ich kann lächeln und trotzdem kontrollieren. Ich kann sagen «ich lasse dich», aber mein Körper bleibt angespannt, mein Atem flach, mein Blick eng, meine Energie greift voraus.
Das Pferd hört nicht auf meine Idee von Loslassen. Es antwortet auf meinen Zustand.
Und genau das ist manchmal so unbequem.
Weil ich merke: Ich lasse gar nicht los. Ich tue nur so. Ich gebe vielleicht die Hand nach, aber nicht die innere Spannung. Ich gebe Raum, aber nicht wirklich Vertrauen. Ich möchte, dass das Pferd selbständig wird, aber bitte genau in dem Rahmen, der mich nicht verunsichert. Ich wünsche mir Leichtigkeit, aber ich halte noch fest an der Vorstellung, wie sie auszusehen hat.
Das ist sehr menschlich.
Und es ist auch nichts, wofür man sich verurteilen muss. Vielleicht ist Kontrolle ja oft zuerst ein Versuch, sich sicher zu fühlen. Ein Versuch, etwas zu schützen. Ein Versuch, nicht wieder ohnmächtig zu werden. Nicht ausgeliefert zu sein. Nicht überrascht zu werden von etwas, das weh tun könnte.
Nur hat Kontrolle eben ihren Preis.
Sie macht eng. Sie kostet Kraft. Sie nimmt dem Gegenüber Raum. Sie verhindert oft genau das, was wir uns wünschen: echtes Vertrauen, echte Losgelassenheit, echtes Mitgehen.
Bei Pferden wird das sichtbar, manchmal erschreckend klar und manchmal auf sehr stille Weise. Ein Pferd, das ständig gehalten wird, lernt nicht unbedingt, sich selbst auszubalancieren. Ein Pferd, das nie einen eigenen Schritt machen darf, kann nicht wirklich Vertrauen in den eigenen Körper entwickeln. Ein Pferd, das dauernd korrigiert wird, hört vielleicht irgendwann auf, mitzudenken. Und ein Pferd, das nur funktioniert, weil wir alles fest im Griff haben, ist noch nicht wirklich in Verbindung.
Es ist bewegt. Aber nicht frei.
Gilt dies für uns Menschen nicht auf ganz ähnliche Weise?
Auch wir können in Beziehungen, Teams und Organisationen Bewegungen erzeugen, ohne dass echtes Mitgehen entsteht. Wir können Prozesse steuern, Menschen begleiten, Ziele setzen, Feedback geben, Strukturen bauen – und trotzdem bleibt innerlich etwas eng, wenn kein Raum für eigenes Verstehen, eigenes Wachsen und eigene Verantwortung bleibt.
Loslassen heisst deshalb nicht, alles laufen zu lassen. Im Gegenteil.
Es braucht sogar sehr viel innere Führung, um gut loslassen zu können. Denn wer wirklich loslässt, verschwindet nicht. Er bleibt da. Wach. Klar. Zugewandt. Er hält nicht mehr fest, aber er bleibt verantwortlich. Er gibt Raum, ohne den Rahmen aufzulösen. Er vertraut, ohne naiv zu werden. Er begleitet, ohne zu übernehmen.
Das ist eine hohe Kunst. Vielleicht sogar eine der höchsten.
Denn es ist viel einfacher, entweder zu kontrollieren oder sich herauszunehmen. Entweder alles festzuhalten oder die Hände in die Luft zu werfen. Entweder zu eng zu sein oder zu beliebig. Das Dazwischen ist anspruchsvoller. Dieses «Ich bin da, aber ich halte dich nicht fest». Dieses «Ich gebe Richtung, aber ich zwinge nicht». Dieses «Ich vertraue dir einen nächsten Schritt zu, auch wenn ich nicht alles absichern kann». Dieses «Ich bleibe verantwortlich für meinen Teil – und lasse dir deinen».
In der Begegnung mit Pferden wird genau dieses Dazwischen körperlich spürbar.
Ein nachgebender Strick. Ein weicherer Kontakt. Ein Atemzug, der nicht mehr festhält. Ein Schritt zurück, damit das Pferd einen Schritt nach vorne finden kann. Ein Moment, in dem ich nicht sofort eingreife, obwohl etwas in mir gern kontrollieren würde. Ein Abwarten, das nicht passiv ist, sondern wach. Ein Vertrauen, das nicht blind ist, sondern geerdet.
Und manchmal geschieht dann etwas sehr Schönes.
Das Pferd übernimmt nicht «gegen mich», sondern mit mir. Es findet seinen eigenen Schritt. Es kommt in Balance. Es atmet aus. Es wird weicher. Es sucht Kontakt, weil es nicht gedrückt wird. Es bleibt, weil es gehen dürfte. Es folgt, weil es nicht festgehalten wird.
Für mich persönlich sind DAS fast magische Momente.
Diese Erfahrung, dass Verbindung nicht dadurch stärker wird, dass wir sie enger machen. Sondern dadurch, dass wir ihr Raum geben.
Für mich ist das der Punkt, an dem Loslassen wirklich Vertrauen wird.
Nicht das naive Vertrauen, dass schon alles gut gehen wird. Sondern das reifere Vertrauen, dass ich meinen Teil tun kann, ohne alles machen zu müssen. Dass ich präsent bleiben kann, ohne zu kontrollieren. Dass Beziehung auch dann trägt, wenn ich nicht jede Bewegung festhalte. Dass Entwicklung ihren eigenen Rhythmus hat. Dass der nächste Schritt manchmal erst sichtbar wird, wenn ich aufhöre, ihn aus Angst vorwegzunehmen.
Das Thema hat meiner Meinung nach auch viel mit Demut zu tun.
Mit der Demut anzuerkennen, dass ein Pferd kein Projekt ist. Kein Ergebnis meiner Bemühungen. Kein Beweis meiner Kompetenz. Kein Spiegel, der mir gefälligst immer ein gutes Gefühl geben soll. Sondern ein eigenes Wesen. Mit eigener Wahrnehmung. Eigenem Tempo. Eigenem Körper. Eigener Geschichte. Eigenem Ja und Nein.
Und wenn ich das wirklich anerkenne, verändert sich etwas.
Dann wird Loslassen nicht schwammig, sondern respektvoll. Dann ist das Pferd nicht Objekt meiner Kontrolle, sondern Gegenüber in einem gemeinsamen Prozess. Dann muss ich nicht alles im Griff haben, um mich sicher zu fühlen. Dann darf ich lernen, Sicherheit aus Beziehung, Präsenz und innerer Klarheit zu schöpfen – nicht aus Festhalten.
Das ist im Pferdekontext wertvoll. Im Leben noch viel mehr.
Denn wie oft halten wir an Vorstellungen fest, die längst zu eng geworden sind. An Bildern von uns selbst. An alten Sicherheiten. An Rollen. An Erwartungen. An Menschen, die ihren eigenen Weg gehen müssen. An Plänen, die einmal richtig waren und heute nicht mehr stimmen. An der Idee, dass wir erst dann sicher sind, wenn wir alles überschauen, alles verstehen, alles kontrollieren können.
Oft verlieren wir dabei mehr, als wir bewahren.
Unseren Atem. Unsere Weite. Unsere Fähigkeit, dem Leben zu antworten. Unsere Freude am Werden. Unsere Sanftheit mit uns selbst. Und manchmal auch die Beziehung zu dem, was wir eigentlich schützen wollten.
Pferde erinnern uns daran, dass Loslassen nicht Verlust bedeuten muss. Es kann auch ein Raumöffnen sein. Ein Weiterwerden. Ein Zurückfinden in Vertrauen. Ein stilles Eingeständnis, dass Leben nicht vollständig beherrschbar ist – und dass genau darin auch seine Schönheit liegt.
Der Bogen zu den bisherigen Geschenken spinnt sich hier für mich sehr stimmig weiter. Präsenz holt uns in den Moment. Grenzen zeigen uns den Raum, der stimmt. Vertrauen wächst aus Verlässlichkeit. Resonanz entsteht, wenn Verbindung echt wird. Innere Führung hält die Richtung. Geduld lässt Entwicklung reifen. Und Loslassen gibt all dem den Raum, lebendig zu werden.
Und so ist Loslassen für mich kein Ende, sondern ein Übergang.
Vom Machen ins Ermöglichen.
Vom Festhalten ins Begleiten.
Vom Kontrollieren ins Vertrauen.
Vom Ergebnis zum nächsten Schritt.
Und vielleicht ist genau dieser nächste Schritt oft der ehrlichste.
Nicht weil wir wissen, wie alles ausgeht. Sondern weil wir bereit sind, ihn zu gehen, ohne das ganze Leben im Voraus festzuzurren.
Für mich ist das eines der tiefsten Geschenke der Pferde an uns Menschen.
Sie lehren uns, dass Vertrauen nicht dort entsteht, wo alles kontrolliert ist. Sondern dort, wo genug Sicherheit da ist, um Raum zu geben. Sie zeigen uns, dass Verbindung nicht enger werden muss, um tragfähiger zu sein. Und dass Verantwortung nicht bedeutet, alles festzuhalten, sondern präsent zu bleiben, während etwas Eigenes entstehen darf.
Ungeschminkt.
Mit offenen Händen.
Mit wachem Herzen.
Und mit dem Mut, den nächsten Schritt nicht zu erzwingen, sondern ihm zu vertrauen.




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