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#UNGESCHMINKT - AUF DEM WEG 18 | 7-2026

  • Writer: Barbara Schär
    Barbara Schär
  • Jul 12
  • 7 min read

Bild: B.Schär privat


DAS GESCHENK DER INNEREN GEDULD -

WAS PFERDE UNS ÜBER ECHTES LERNEN LEHREN


Wir leben in einer Zeit, in der Lernen oft möglichst schnell gehen soll. Effizient, messbar, zielorientiert, am besten mit sofort sichtbarem Fortschritt. Ein Kurs, ein Tool, eine Methode, ein Plan – und dann bitte Resultate. Möglichst bald. Möglichst klar. Möglichst verwertbar.

 

Auch im Umgang mit Pferden ist diese Versuchung da. Vielleicht sogar besonders dort, weil vieles so sichtbar wird. Ein Pferd geht mit oder nicht. Es bleibt ruhig oder wird unruhig. Es versteht eine Hilfe oder versteht sie eben noch nicht. Es wird weicher, losgelassener, tragfähiger – oder es spannt sich an, fällt auseinander, entzieht sich, wird stumpf oder überfordert.

 

Und dann stehen wir Menschen da mit unserem Wunsch nach Entwicklung, mit unseren Vorstellungen, unseren Zielen, unserem Ehrgeiz, manchmal auch mit unserer Ungeduld, und möchten, dass etwas nun endlich gelingt. Dass ein Schritt sitzt. Dass ein Übergang feiner wird. Dass ein Muster verschwindet. Dass Vertrauen stabil bleibt. Dass Leichtigkeit kommt. Dass sich all die Arbeit, das Üben, das Dranbleiben endlich zeigt.

Nur: Pferde funktionieren nicht nach unserem Wunschkalender.

Sie lernen nicht, weil wir es eilig haben. Sie lernen nicht schneller, weil wir innerlich schon beim Ergebnis sind. Und sie lernen schon gar nicht besser, wenn wir die Wiederholung mit Druck verwechseln oder Geduld mit passivem Warten.

 

Pferde lehren uns Geduld auf eine sehr ehrliche Weise. Nicht als romantische Tugend, nicht als hübsches Wort, nicht als weiches Ausweichen vor Klarheit. Sondern als zutiefst aktive Fähigkeit, im Prozess zu bleiben. Wach. Wahrnehmend. Wiederholend. Anpassend. Bereit, den nächsten kleinen Schritt ernst zu nehmen, auch wenn der grosse Durchbruch noch nicht da ist.

 

Für mich ist genau dies ein weiteres ihrer grossen Geschenke an uns Menschen.

Denn echtes Lernen braucht Zeit. Nicht einfach Zeit im Kalender, sondern innere Zeit. Raum. Wiederholung. Verlässlichkeit. Es braucht Momente, in denen etwas nicht sofort gelingt und wir trotzdem nicht härter werden. Es braucht die Bereitschaft, nochmals hinzuschauen. Nochmals feiner zu fragen. Nochmals kleiner zu werden im Anspruch, ohne kleiner zu werden in der Klarheit.

 

Das klingt so einfach. Und ist es nicht. Zumindest nicht für mich.

Ich kenne dieses innere Vorauseilen gut. Dieses «Jetzt müsste es doch langsam…». Dieses Gefühl, schon so viel investiert zu haben und nun endlich eine Entwicklung sehen zu wollen. Ich kenne auch die kleine Enttäuschung, wenn etwas, das gestern noch wunderbar ging, heute wieder holpert. Wenn ein Pferd scheinbar «vergessen» hat, was doch schon da war. Wenn ich merke, dass mein Kopf längst weiter ist als mein Körper, mein Pferd – oder vielleicht auch meine eigene Reife an diesem Punkt.

 

Und genau dort beginnt die eigentliche Übung. Die eigentliche Herausforderung.

Denn vielleicht hat das Pferd gar nichts vergessen. Vielleicht zeigt es mir nur, dass Lernen kein gerader Pfeil nach oben ist. Dass Entwicklung nicht linear verläuft. Dass ein «Heute geht es nicht» nicht automatisch ein Rückschritt ist, sondern eine Information. Vielleicht über Müdigkeit. Über Spannung. Über fehlende Sicherheit. Über zu viel Tempo. Über mich. Über den Moment. Über den Umstand, dass etwas noch nicht wirklich verankert ist, sondern erst begonnen hat, Form anzunehmen.

Pferde sind darin gnadenlos ehrlich und gleichzeitig wunderbar gnädig. Sie nehmen uns die Illusion, Lernen liesse sich einfach durch Wollen beschleunigen. Und sie zeigen uns zugleich, wie schön es ist, wenn ein kleiner Schritt plötzlich echt wird.

Nicht mit grossem «BÄM». Nicht perfekt. Aber wahr.

 

Ein Atemzug mehr Ruhe. Ein weicheres Annehmen. Ein halber Schritt mehr Vertrauen. Ein Moment weniger Widerstand. Ein Blick, der nicht mehr fragt: «Muss ich Angst haben?», sondern vielleicht schon: «Kann ich dir folgen?» Ein Körper, der nicht mehr nur funktioniert, sondern beginnt, mitzudenken, mitzufühlen, mitzuschwingen.

Das sind keine kleinen Dinge. Wir übersehen sie nur manchmal, weil wir nach den grossen suchen. Nach dem BÄM.

 

In der Arbeit mit Pferden ist Geduld deshalb nicht Stillstand. Im Gegenteil. Geduld ist hoch aufmerksam. Sie sieht die feinen Veränderungen. Sie erkennt, wann etwas zu viel ist und wann ein nächster Schritt möglich wird. Sie verwechselt nicht Langsamkeit mit Unfähigkeit. Sie nimmt den Prozess ernst, statt ihn zu überfahren. Und sie weiss, dass Wiederholung nicht dazu da ist, Lebendigkeit zu ersticken, sondern Sicherheit wachsen zu lassen.

 

Das ist für mich ein ganz wesentlicher Punkt.

Wiederholung kann stumpf machen, wenn sie mechanisch wird. Wenn sie nur noch abspult, fordert, korrigiert, kontrolliert. Dann verliert sie ihre Seele. Dann wird Lernen zu Dressur im schlechtesten Sinne – zu Anpassung, nicht zu Verständnis.

Wiederholung kann aber auch Vertrauen schaffen. Wenn sie achtsam bleibt. Wenn sie nicht nach dem Motto läuft «noch einmal, bis es endlich klappt», sondern «noch einmal, damit es sicherer werden darf». Wenn sie nicht Druck aufbaut, sondern Orientierung. Wenn sie nicht beweisen will, sondern vertiefen.

 

Pferde unterscheiden das sehr fein.

Sie spüren, ob eine Wiederholung aus Ärger kommt oder aus Klarheit. Ob ich etwas erzwingen möchte oder ob ich ein Angebot nochmals sauberer mache. Ob ich innerlich ungeduldig werde und meine Hilfe deshalb schärfer, mein Körper fester, mein Blick enger wird. Oder ob ich bei mir bleibe, atme, die Aufgabe kleiner mache und dem Pferd damit die Chance gebe, tatsächlich zu verstehen.

 

Und wie im letzten Beitrag über innere Führung geht es auch hier nicht darum, alles laufen zu lassen. Geduld ist nicht Beliebigkeit. Geduld heisst nicht: «Dann halt nicht.» Sie bedeutet nicht, keine Richtung zu haben oder alles endlos zu verschieben.

Im Gegenteil.

Echte Geduld braucht eine klare Richtung. Aber sie hält diese Richtung ohne Härte. Sie weiss, wohin sie möchte, aber sie verliert den Moment nicht. Sie bleibt dran, ohne zu drücken. Sie korrigiert, ohne zu beschämen. Sie wiederholt, ohne zu entwerten. Sie erkennt das noch nicht Gelungene, ohne das bereits Gewachsene zu übersehen.

 

Was für eine Herausforderung.

Und was für ein Geschenk.

Denn genau diese Art von Geduld fehlt uns Menschen doch so oft – mit anderen, aber auch mit uns selbst.

Wie schnell werden wir ungeduldig mit unserer eigenen Entwicklung. Mit alten Mustern, die wir doch längst verstanden haben und trotzdem wiederholen. Mit Ängsten, die noch einmal auftauchen. Mit Unsicherheiten, die nicht einfach verschwinden, nur weil wir sie benennen können. Mit Körperreaktionen, die nicht auf Knopfdruck gehorchen. Mit Lebensprozessen, die sich nicht nach unserem inneren Projektplan richten.

Auch da möchten wir manchmal gerne schneller sein, als wir sind. Reifer, klarer, mutiger, freier, gelassener. Und wenn es nicht gelingt, dann kommt nicht selten die innere Peitsche. Nicht laut vielleicht, aber unerbittlich. «Jetzt stell dich nicht so an.» «Du müsstest doch weiter sein.» «Das hast du doch schon bearbeitet.» «Warum kannst du das immer noch nicht?»

Puh.

 

Pferde würden vermutlich auch hier keine langen Erklärungen machen. Sie würden uns wohl einfach zeigen: So lernt kein fühlendes Wesen gut.

Nicht unter Druck. Nicht unter Beschämung. Nicht in ständiger Überforderung. Nicht dort, wo jeder Fehler als Versagen gilt.

Echtes Lernen braucht Sicherheit. Es braucht die Erfahrung, dass ein Fehler nicht das Ende der Beziehung bedeutet. Dass ein Holpern nicht sofort Strafe nach sich zieht. Dass ein Zögern nicht lächerlich ist. Dass ein Nein nicht automatisch Rebellion bedeutet. Dass Nicht-Können nicht dasselbe ist wie Nicht-Wollen.

 

Wie viel würde sich verändern, wenn wir auch Menschen so begegnen würden? In Teams. In Familien. In Ausbildung. In Führung. In Veränderungsprozessen. In der Begegnung mit uns selbst.

Wie viel mehr Entwicklung wäre möglich, wenn wir weniger auf sofortige Performance und mehr auf nachhaltiges Verstehen achten würden?

 

Gerade in Organisationen reden wir viel von Lernkultur, Agilität, Transformation und Entwicklung. Aber oft soll diese Entwicklung bitte möglichst reibungslos, schnell und ohne allzu viele Umwege stattfinden. Man will neue Kompetenzen, neue Haltungen, neue Zusammenarbeit, neue Prozesse – aber die Zeit für echtes Verankern fehlt. Es wird eingeführt, geschult, kommuniziert, gemessen.

 

Und dann wundern wir uns, wenn Menschen zwar mitmachen, aber innerlich nicht wirklich nachkommen. Vielleicht ist das gar nicht so weit weg vom Pferd, das eine Aufgabe ausführt, ohne sie wirklich verstanden zu haben.

Es bewegt sich. Aber es trägt noch nicht.

Und genau das ist der Unterschied, den Pferde uns so wunderbar zeigen: Zwischen Tun und Verstehen. Zwischen Funktionieren und Lernen. Zwischen Tempo und Reife.

 

Reife entsteht nicht dadurch, dass wir möglichst schnell durch möglichst viele Schritte gehen. Reife entsteht dadurch, dass etwas Zeit bekommt, im Körper, im Vertrauen, im Erleben und in der Beziehung anzukommen. Bei Pferden. Bei Menschen. In uns selbst.

Vielleicht berührt mich das Thema Geduld deshalb so sehr, weil es auch Demut verlangt. Die Demut anzuerkennen, dass Entwicklung nicht immer meinem Willen folgt. Dass ein Pferd kein Projekt ist. Dass Lernen kein lineares Abarbeiten von Zielen ist. Dass Beziehung nicht dadurch besser wird, dass ich schneller recht habe. Und dass ich manchmal nicht mehr tun muss, sondern genauer. Nicht lauter, sondern klarer. Nicht länger, sondern stimmiger.

 

Nicht schneller. Stimmiger.

 

Dieser Satz könnte für mich fast über dem ganzen Geschenk der Geduld stehen.

Denn Pferde zeigen uns, dass stimmiges Lernen eine andere Qualität hat. Es hat mehr Atem. Mehr Würde. Mehr Wahrnehmung. Es erlaubt kleine Schritte, ohne sie kleinzureden. Es feiert nicht nur den grossen Erfolg, sondern auch den Moment, in dem etwas ein wenig weicher, verständlicher, sicherer geworden ist.

 

Für mich ist genau das eine so wichtige Erinnerung in unserer heutigen Zeit.

Wir müssen nicht jeden Prozess beschleunigen. Wir dürfen lernen, Entwicklung wieder als Weg zu begreifen. Als etwas Lebendiges. Manchmal Rundes, manchmal Holpriges. Manchmal scheinbar rückwärtslaufend und dann plötzlich mit einem Schritt nach vorne, der nur möglich wurde, weil davor so viel unsichtbar gereift ist.

 

Pferde erinnern uns daran, dass Geduld nichts Passives ist. Sie ist eine Haltung des Dranbleibens. Eine Form von Respekt. Eine Entscheidung, den anderen – und sich selbst – nicht auf den momentanen Stand zu reduzieren. Sie vertraut darauf, dass Lernen wachsen darf, wenn der Boden stimmt.

 

Hier schliesst sich der Bogen zu den bisherigen Geschenken noch einmal anders. Präsenz holt uns in den Moment. Grenzen geben dem Lernen Raum und Sicherheit. Vertrauen erlaubt Wiederholung ohne Angst. Resonanz macht spürbar, wann Verbindung echt ist. Innere Führung hält die Richtung. Und Geduld gibt all dem die Zeit, die es braucht, um nicht nur verstanden, sondern verkörpert zu werden.

 

Für mich ein zwar eher stilles und doch so wunderbar wertvolles Geschenk der Pferde an uns Menschen. Sie lehren uns, dass echtes Lernen nicht im Druck entsteht, sondern in der Verbindung. Dass Wiederholung keine Strafe sein muss, sondern ein Weg in die Sicherheit. Dass kleine Schritte nicht weniger wert sind, nur weil sie leise sind. Und dass Reife nicht gemacht, sondern begleitet wird.

 

Ungeschminkt. Schritt für Schritt. Mit Geduld. Nicht schneller. Stimmiger.

 



 
 
 

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