#UNGESCHMINKT - AUF DEM WEG 13 | 2-2026
- Barbara Schär
- Feb 20
- 3 min read

Bild: B.Schär privat
DAS GESCHENK DER PRÄSENZ -
WAS PFERDE UNS ÜBER ECHTHEIT LEHREN
Pferde sind da.
Nicht teilweise.
Nicht nebenbei.
Nicht später.
Sie sind da – ganz.
Als Flucht- und Herdentiere ist Präsenz für sie keine Haltung, sondern Lebensnotwendigkeit. Ihr Überleben hängt davon ab, feinste Veränderungen wahrzunehmen: im Raum, in der Herde, im Gegenüber. Ein minimaler Spannungswechsel, ein veränderter Atem, ein kaum sichtbares Zögern – all das sind für Pferde relevante Informationen.
Sie lesen nicht Worte.
Sie lesen Zustände.
Und genau hier beginnt eines ihrer grossartigen Geschenke an uns Menschen.
Wir leben in einer Welt der Ablenkung.Gedanklich oft schon beim Nächsten, beim Danach, beim Noch-Nicht-Erledigten. Körperlich anwesend, innerlich unterwegs. Multitasking gilt als Kompetenz, Unruhe als normal. Präsenz verkommt zum Schlagwort.
Pferde reagieren darauf.
Manchmal mit Rückzug.
Manchmal mit Distanz.
Oder - je nach Charakter, Erfahrung und Situation - mit Unruhe, erhöhter Wachsamkeit, Weggehen, Anspannung.
Manchmal auch mit scheinbarer Anpassung.
Doch diese Anpassung ist kein Einverständnis, sondern Regulation. Pferde können sich nicht immer entziehen. Aber sie zeigen, was nicht stimmig ist.
In ihrer Nähe wird spürbar, was Präsenz wirklich bedeutet: ein inneres Ankommen. Eine Übereinstimmung von Körper, Gefühl und Haltung. In der Fachliteratur wird dafür der Begriff Kongruenz verwendet – die Deckungsgleichheit zwischen dem, was in uns ist, und dem, was wir nach aussen zeigen. Für Pferde ist diese Stimmigkeit entscheidend.
Sie folgen nicht der Lautstärke.
Nicht der Technik.
Nicht dem Anspruch.
Sie orientieren sich an innerer Klarheit.
Ist sie da, entsteht Ruhe. Orientierung. Verbindung. Ist sie nicht da, entsteht Distanz. Nicht als Widerstand, sondern als Konsequenz.
Untersuchungen aus der Ethologie und der pferdegestützten Arbeit zeigen, dass Pferde menschliche Stresszustände unmittelbar wahrnehmen: erhöhte Muskelspannung, flacher Atem, innere Unruhe. Nicht, weil sie „spiegeln wollen“, sondern weil Unstimmigkeit für sie Unsicherheit bedeutet.
Ein nervöses Herdentier gefährdet die Gruppe.
Präsenz hingegen signalisiert Sicherheit. Und Sicherheit ist für Pferde zentral.
Vielleicht berührt uns das so tief, weil wir hier nichts kompensieren können.
Keine Rolle hilft.
Kein Titel.
Keine Erklärung.
Wir können nur da sein.
In der Begegnung mit Pferden werden Masken nicht entlarvt, sondern überflüssig. Sie fallen einfach ab. Still. Wertfrei. Und manchmal schmerzhaft ehrlich. Aber immer klar.
Und genau hier liegt der Transfer in unseren Alltag.
Auch wir Menschen reagieren auf Unstimmigkeit – in Teams, in Beziehungen, in Familien, in Organisationen. Wir nennen es dann „schwierige Stimmung“, „unausgesprochene Spannungen“, „fehlendes Vertrauen“. Doch oft geht es nicht um das Gesagte, sondern um das Nicht-Stimmige.
Präsenz wirkt im menschlichen Miteinander ähnlich wie im Kontakt mit Pferden. Sie schafft Orientierung. Sie beruhigt. Sie gibt Halt.
Wo Menschen präsent und authentisch sind, müssen weniger Regeln erklärt, weniger Macht eingesetzt, weniger kontrolliert werden. Vertrauen entsteht nicht durch Prozesse, sondern durch Verlässlichkeit im Moment.
Führung, Beziehung, Zusammenarbeit – all das beginnt nicht mit Strategie, sondern mit innerer Klarheit. Mit dem Mut, da zu sein. Wirklich da. Nicht perfekt. Aber stimmig.
Wenn wir innerlich ankommen, verändert sich etwas.
Der Atem wird ruhiger.
Der Körper weicher.
Der Blick klarer.
Begegnung wird möglich – jenseits von Rollen, Erwartungen und Konzepten.
Wo wir präsent sind, werden wir ruhiger, klarer, wahrhaftiger.Beziehung entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch innere Stimmigkeit.Vertrauen nicht durch Worte, sondern durch Verlässlichkeit im Moment.
Präsenz ist keine Methode.
Kein Werkzeug.
Kein Ziel.
Sie ist ein Zustand.
Ein Zustand, der nicht gemacht werden kann, sondern entsteht, wenn wir aufhören, etwas darstellen zu wollen.
Und vielleicht ist genau das eines der grössten Geschenke der Pferde an uns: Sie lehren uns, dass Echtheit Sicherheit schafft – für sie wie für uns.
Präsenz verändert nichts im Aussen.
Aber sie verändert alles im Erleben.
Pferde erinnern uns daran – still, konsequent, ohne Absicht.
Sie holen uns zurück in die Verbindung mit uns selbst. Und von dort erst wird echte Begegnung möglich.




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